Zanjan: Couchsurfing kann auch anstrengend sein

Auch in Zanjan haben wir über Couchsurfing ein Paar gefunden, das uns für zwei Nächte aufnimmt, obwohl sie gerade in eine neue Wohnung gezogen sind. Hier sind wir in einer anderen Welt. Mutter, Schwester und Neffe der Gastgeberin Samira wuseln in der mit Kisten vollgestellten Wohnung herum. Sofort fällt auf, dass sie das sehr konservativ gebundene Kopftuch auch im Haus tragen und Moritz nicht die Hand geben. Der Neffe schwenkt ein rauchendes Gefäß gegen den bösen Blick über unserem Kopf. Als der Vater kommt, küssen ihm die Töchter ehrfürchtig die Hand. Mich schaut er kein einziges Mal an, wie er so auf seinem Stuhl trohnt und den Frauen beim Arbeiten zusieht. Er wirkt steng, bietet uns dann aber Gurken aus seinem Garten an. Allah hat es so eingerichtet, dass schon beim Pflanzen bestimmt war, dass sie für zwei Deutsche sein sollen. Stundenlang passiert nichts. Wir sitzen mit dem Vater da und die anderen putzen. Wir dürfen natürlich nicht helfen. Dass wir nie wissen, was für den Tag geplant ist, kennen wir bereits. Aber nach 6 Stunden untätigen Wartens in der völlig überhitzten Betonwohnung, sind wir ziemlich verzweifelt und müde. Um 23 Uhr wird Pizza (mit Ketchup!) bestellt. Da Samira gestresst ist und sich anscheinend vor ihren konservativen Eltern nicht zeigen kann, wie sie wirklich ist, wird uns kaum etwas übersetzt. Erst um Mitternacht brechen wir auf um uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt anzusehen.

Samira und Esmail sind wie zwei religiöse Aufziehmännchen. Stolz erzählen sie uns, dass sie jede Nacht nur drei bis vier Stunden schlafen. Sie haben eine Zinkfirma, eine private Englischschule und studieren beide. Viele ihrer Familienmitglieder arbeiten in hohen Positionen für die Regierung. Wenn man sich mit der offiziellen Linie identifiziert, kann man hier wohl ganz gut leben.

Als wir um halb drei Uhr morgens ins Bett fallen, wissen wir, dass um 7 Uhr der Wecker wieder klingeln wird.

Der nächste Tag beginnt anstrengend. Wir fahren ohne Frühstück (Wir haben mit unseren Gastgebern wenig gemeinsam. Essen und Schlafen sind ihnen nicht wichtig) mit dem Sammeltaxi nach Soltaniyeh. Dort steht ein Mausoleum mit der drittgrößten Kuppel der Welt. Das Gebäude ist beeindruckend schön, doch wir fühlen uns erst nach einem Picknick im Schatten besser.

Mittlerweile haben wir gelernt, dass wir beim Couchsurfing manchmal eine Ansage machen müssen, auch wenn das der persischen Höflichkeit wiederspricht. So kommen wir auch endlich zu einem Mittagsschlaf.

Nachmittags nimmt uns Samira in ihr Englischinstitut mit. Wir begleiten zwei Lehrer in ihre Klassen wo uns die aufgeregten Schüler Fragen stellen. Wir tappen in ein kleines Fettnäpfchen als wir einer Horde 16jähriger Mädchen erzählen, dass wir seit elf Jahren zusammen und seit fünf Jahren verheiratet sind. Natürlich gibt es auch hier Beziehungen vor der Ehe, aber in einer Schulklasse davon zu erzählen, lässt unsere Gastgeberin leicht hysterisch auflachen.

Wir verbringen noch einen entspannten Nachmittag mit Samira auf dem Basar, essen Safran-Rosenwasser-Eis und langsam wird Samira offener und erzählt uns, dass sie sich eigentlich gar nicht religiös empfindet. Wir erfahren wie sie sich als Frau im Iran fühlt und dass sie sich wünscht, im Ausland zu studieren.
Diesmal ist es keine Qual, bis weit nach Mitternacht zusammen zu sitzen.

 

2 Kommentare zu „Zanjan: Couchsurfing kann auch anstrengend sein

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