Tabriz: Die Couchsurfing-Enttäuschung

In Tabriz werden wir herzlich von der 25-jährigen Kathayoun empfangen. Zwar hat sie in einer Sprachnachricht, die sie uns geschickt hatte, etwas verrückt geklungen. Diese Sorge vertrieben wir aber sofort und freuten uns auf ihre Bekanntschaft. Bei einem Mittagessen im Restaurant ihrer Mutter erzählt sie uns begeistert, was wir die nächsten Tage unternehmen könnten. Sie ist die erste, die uns so klar sagt, was passieren wird und wir sind begeistert. Allerdings habe sie kein Auto, was aber unbedingt notwendig sei, um alle Sehenswürdigkeiten zu erreichen. „Na klar machen wir das!“ Sie telefoniert herum und nennt uns schließlich den Preis von 250€ für drei Tage. Das kommt uns ganz schön teuer vor, doch auch die Mutter versichert heftig nickend, dass das günstig sei. Panisch platzt aus uns heraus, dass wir in Iran auf keinen Fall selbst Auto fahren können. Früher dachten wir mal, der Verkehr in Palermo wäre schlimm. Da waren wir aber noch nicht in Iran. Kein Problem, ihr Vater habe Zeit und könne uns fahren. Außerdem seien in den 250€ auch sämtliche Mahlzeiten und Eintritte inclusive. Komisch, wie das gehen solle, wenn man ein Auto mietet…

Anschließend schlendern wir wie viele hundert Iraner durch einen schönen Park, hören Musikern zu und Kathy erzählt uns ausschweifend aus ihrem Privatleben. Sie hat sich erst vor zehn Tagen kurz vor der Verlobungszeremonie von ihrem langjährigen Freund getrennt und ist jetzt verliebt in einen anderen. Immer wieder zieht sie den Lippenstift nach und richtet ihr Kopftuch. Mohammad, ihre neue Liebe soll bald eintreffen. Sobald er in Sichtweite ist, wird Kathy zu einem pubertierenden Mädchen. Sie kichert ständig, himmelt Mohammad an und übersetzt uns kein Wort mehr. Eigentlich möchten wir schon lange heim. Auch die Mutter ruft an, wo wir bleiben. Doch Kathy ist bester Stimmung und verdrückt sich irgendwann sogar zum Rauchen mit Mohammad. Sie sagt zwar, normalerweise müsse sie zwar um elf zuhause sein. Sie lasse sich aber von niemandem etwas sagen und sei eine unabhängige Frau.

Als wir jedoch um kurz nach zwölf an der Wohnungstür der Familie klingeln, macht zunächst niemand auf. Anscheinend ist der Vater doch ziemlich sauer. „Rieche ich nach Rauch? Habt ihr ein Deo?“, fragt sie panisch. Ihre geniale Idee ist schließlich, ihrem Vater zu erzählen, wir hätten nicht nachhause gewollt. Deshalb seien wir so spät.

Als der Vater dann wortlos und wutschnaubend vor uns steht, möchten wir am liebsten im Erdboden versinken. Wir werden nicht vorgestellt und stehen wie Eindringlinge in seiner Wohnung. Schnell führt uns Kathy in ein Zimmer mit einem schmalen Einzelbett, schmeißt eine Wolldecke auf den Boden und verschwindet in gedunkter Haltung.

Zwar haben wir seit wir im Iran sind, erst eine Nacht in einem Bett geschlafen. Die bisherigen Matten, die auf Teppichen für uns ausgebreitet wurden, waren aber ganz bequem. Der kalte Fliesenboden hier bedeckt mit einer dünnen Wolldecke würde uns bestimmt nicht gut schlafen lassen. Durch die dünnen Wände hören wir noch leise Diskussionen.

Also quetschen wir uns in das schmale Bett in Kathys Zimmer. Alles ist voller Eifeltürme und Frankreichflaggen, da sie Französisch studiert hat und bald auswandern will.

Die Nacht ist schrecklich. Wir fühlen uns unwohl und Kathy kommt uns immer verrückter vor.

Als sie am nächsten Morgen freudig hereinflöttet: „Did you sleep well?“ kann Moritz nur noch antworten: „We have to talk!“

Erst nach langen Diskussionen können wir in ein Hotelzimmer umziehen, vereinbaren aber trotzdem die nächsten Tage zusammen zu verbringen. Bestimmt haben wir sie damit sehr in ihrer Ehre gekränkt. Wir sind aber froh bei der Aussicht auf eine ruhigere, gemütlichere Nacht.

Nach dem Frühstück steht das Mietauto schon vor der Haustür bereit. Der Vater greift nach dem Schlüssel, an dem ein Frankreichanhänger baumelt. (Dämmert euch schon was? Uns noch nicht…) Der Kofferraum ist voll. Das hat alles der Vormieter vergessen, versichert uns Kathy. Dann gehts los. Die ganze Fahrt über hören wir die Lieblings-CDs des Vaters, die seine Tochter aus dem Handschuhfach hervorkramt. Langsam werden wir endlich stutzig. Wir befinden uns augenscheinlich im Auto der Familie. Natürlich können wir nicht erwarten, dass wir drei Tage kostenlos herumgefahren werden. Hätte sie uns ehrlich gesagt, dass sie ein Guide ist und uns für 250 € herumfahren und uns alles zeigen kann, hätten wir bestimmt zugesagt.

Wir besuchen gemeinsam den wunderschönen Bazar, der von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde.

Anschließend gehts weiter nach Kandovan, ein kleines Dorf, dass aus Häusern, direkt in den Berg gebaut, besteht. Ganz nett anzusehen, aber von iranischen Touristengruppen bevölkert und eher wie eine Art Disneyland. Außerdem haben wir nun keinen Sinn mehr für die sich uns bietende Schönheit. Ich möchte Kathy sofort damit konfrontieren, dass sie uns anlügt. Gott sei Dank ist Moritz so weise und bremst mich. Niemals würde Kathy ihr Lüge zugeben. Und 150 km von der Stadt entfernt, wäre unsere Verhandlunsbasis denkbar schlecht. Also bleiben wir ruhig, können aber Kathys überschwängliche Art, mit der sie uns ständig umarmt und beteuert, dass wir wie Familie für sie seien, kaum mehr ertragen. Schließlich klingelt Kathys Handy. Freunde, die gerade zufällig hinter uns fahren, freuen sich sie zu sehen und wollen kurz auf ein paar Worte anhalten. Wie können sie sie in einem Mietwagen erkennen?

Wir werden immer stiller. Das bemerkt sie auch und bedrängt uns ihr zu sagen, was sie falsch gemacht habe.

Einen kleinen Schwächeanfall vorzutäuschen hat Moritz schonmal gerettet. An diesem Tag allerdings spielt er oskarreif. Sehr bedauerlich, aber morgen könnten wir unmöglich nochmal etwas mit Kathy unternehmen.

Wir denken, so kommen wir am einfachsten aus der Sache heraus und Kathy könne ihr Gesicht waren. Was dann passiert, kann ich kaum glauben. Ernst beschwört sie uns, dass wir das „Mietauto“ trotzdem für drei Tage bezahlen müssen, da sie es extra reserviert habe. Ich möchte ihr am liebsten ins Gesicht schreien. Wir bleiben aber ruhig und sagen ebenso verschwörerisch: „Das kriegst du hin. Wir zahlen für diesen einen Tag und nicht mehr.“

Dann folgt ein groteskes Theaterstück, bei dem sie erst sagt, sie würde den Vermieter anrufen, habe jetzt aber kein Netz. Währenddessen klingelt ständig ihr Handy weil sie Whatsapp Nachrichten empfängt. Dann sehen wir, wie sie die Freundin, mit der sie die ganze Zeit geschrieben hatte, anruft. Danach sagt sie ernst: „Er fordert mindestens die Hälfte, also 125 €.“ Ich falle fast in Ohnmacht. Wie kann man so dreist lügen?!
Wir beharren aber weiter darauf. Wir zahlen höchstens 100€. Dann haben sie immernoch ein sehr gutes Geschäft gemacht. Schließlich führt sie noch an, dass noch Benzinkosten entstanden seien. Irgendwann gibt sie sich zufrieden. Sofort danach heißt es aber, ihr Vater sei müde und wir müssen eine Pause machen. Wir sind zwei Stunden von Tabriz entfernt und kriegen jetzt richtig Angst. Noch nie habe ich so dreiste Lügner erlebt. Wenn man so skrupellos ist, wer weiß wozu man noch fähig ist. Ich gebe zu, vielleicht haben wir uns dann auch ein bisschen hineingesteigert. Moritz hatte jedenfalls den Hotelzimmerschlüssel schon zwischen den Fingern seiner Faust und war auf alles gefasst. Wir hielten uns an der Hand und schworen uns, uns in keinem Fall trennen zu lassen.

Irgendwann hat die Höllenfahrt dann tatsächlich ein Ende. Kathy betont immer wieder, wie besorgt sie sei und dass sie hoffe, dass wir uns am nächsten Tag trotzdem sehen können. Zum Abschied fragt sie uns dann tatsächlich noch, ob wir etwas für arme Kinder in Iran spenden möchten. „No“, sage ich mit finsterer Miene und wir gehen endlich durch die Hoteltür davon.

Erleichtert liegen wir im Bett und beschließen: jetzt brauchen wir eine Couchsurfing-Pause!

Die nächsten Tage erkunden wir die Stadt alleine und genießen es, selbst Entscheidungen zu treffen. Wir streifen durch den Bazar und die blaue Moschee. Leider ist sie nicht mehr blau, weil sie durch ein Erdbeben teilweise zerstört wurde und Plünderer anschließend die wunderschönen Fliesen stahlen.

Abends essen wir in einem Restaurant, das wie ein botanischer Garten angelegt ist. Riesige Palmen ragen bis zu der hohen Decke, Kanarienvögel fliegen frei herum und ein kleiner Bach windet sich durch die mit Teppichen ausgelegten Picknickplätze. Die Iraner sind wirklich anders, als man sie sich vorstellt!

Und für uns ist die Welt wieder in Ordnung!

5 Kommentare zu „Tabriz: Die Couchsurfing-Enttäuschung

  1. Hallo Ihr Zwei. Ich lese mit Begeisterung Eure Berichte und die Fotos sind der Hammer. Wünsche Euch kein weiteres Erlebnis a la Kathy. Viel Spaß weiterhin!

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  2. Drück euch auch die Daumen, dass eine Erfahrung wie diese so schnell nicht wieder kommt! Hab erst jetzt dank dem Xav & der Caro von eurem Blog erfahren. Tolle Fotos! Und so viel gutes Essen…PROST aus der Heimat ihr zwei 🙂

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