Oh wie schön ist Kurdistan!

Wir sitzen nachts in einem Bus von Tabriz nach Sanandaj, die Hauptstadt der Provinz Kurdistan. Diese ist nur ein Teil des viel größeren Kurdengebiets, das sich über die Türkei, Irak, Syrien und Iran zieht. Medienberichte verheißen nichts Gutes über die Kurdengebiete. Deshalb haben wir viele Iraner, die wie kennenlernten gefragt, ob sie denken, dort sei es gefährlich. Immer wieder hörten wir: „Fahrt hin! Es ist dort sicher und wunderschön!“

Um 22 Uhr stoppt der Bus an einem Restaurant. Es ist Zeit zum Abendessen im Iran. Wir steigen aus und fühlen uns von der Busfahrt noch wie benommen. Außerdem graut uns vor der Ankunft in Sanandaj um 4 Uhr morgens ohne eine Hotelreservierung zu haben.
Da winkt uns jemand lächelnd zu sich. Saman studiert in Tabriz und ist auf dem Weg zu seiner Familie in Sanandaj weil am Freitag muslimisches Opferfest ist. Er lädt uns zum Kebab ein und scheint sich ab diesem Moment für uns verantwortlich zu fühlen. Im Bus erzählt er, dass er sich wünscht, nächstes Jahr in Stuttgart zu studieren. Lachend entschuldigt er sich, dass er uns in Sanandaj nicht aufnehmen kann, aber sein Vater ist der Gouverneur, der sich natürlich unmöglich über die Anweisung hinwegsetzten kann, sich nicht mehr als nötig mit Ausländern einzulassen.

Als wir schließlich um 4 Uhr ankommen, fährt er uns im Taxi in ein vom Lonley Planet empfohlenes Hotel und wir verabreden uns für den nächsten Tag. Obwohl das Zimmer sehr eklig und ungemütlich ist, schlafen wir wie die Steine bis zu seinem Anruf um elf Uhr Vormittags.

Er und sein Onkel, der ebenfalls Englisch spricht, holen uns ab, streiten sich mit dem Hotelbesitzer und bringen uns in eine richtig schöne Unterkunft. Wir essen zusammen kurdisches Brot mit Suppe, trinken türkischen Kaffee und bewundern die beachtliche Feuerzeugsammlung und das Backgammon des Onkels und fahren schließlich in ihren Garten außerhalb der Stadt. Von hohen Büschen umwuchert, wachsen hier um ein schönes Haus Tomaten, Gurken, Bohnen, Äpfel und Auberginen. Es ist angenehm kühl und man ist weit weg von den Blicken neugieriger Nachbarn. Viele Iraner, die es sich leisten können, haben so einen Rückzugsort in der Natur.

Den nächsten Tag verbringen wir faul im Hotel um dann für zwei Tage in die Berge zu fahren. Wieder brauchen wir uns um nichts kümmern. Saman organisiert uns einen Fahrer und ein Hotelzimmer in Uraman Takh und feilscht sogar um einen besseren Preis.

Das Leben in einem kurdischen Bergdorf ist hart, für uns als Besucher aber wunderschön. Die Menschen tragen stolz ihre kurdischen Trachten umgeben von einer kargen Natur. Ihre Häuser krallen sich waghalsig in die Felsen.

Auf dem Rückweg machen wir in Marivan halt. Hier soll es den größten Süßwassersee der Erde geben. Allerdings mit Einschränkung: Der größte See ohne Flusszulauf.

An den Chiemsee gewöhnt, sind wir weniger beeindruckt als die vielen iranischen Touristen. Wir kaufen uns einen gegrillten Fisch und liegen in einer typisch iranischen „Picknickhütte“.

Unschlüssig diskutieren wir, ob wir unsere Pläne komplett umwerfen und statt weiter in den Süden, zu Saman in den Norden in ein Haus seiner Familie am kaspischen Meer fahren sollen. Die Busfahrt durch das halbe Land schreckt uns erst ab. Aber Samans zahlreiche Einladungen scheinen kein „Tarof“ zu sein. Das ist ein kompliziertes Höflichkeitssystem, bei dem man kurzgesagt Dinge anbietet, die man gar nicht geben möchte und Dinge ablehnt, die man eigentlich haben möchte. Die meisten jungen Iraner, die wir kennenlernen, finden „Tarof“ albern , weil es das Leben nur unnötig verkompliziert. So seltsam es uns am Anfang vorkommt, so ganz ehrlich gemeint ist aber auch in Deutschland nicht jedes „Wie geht es dir?“

5 Kommentare zu „Oh wie schön ist Kurdistan!

  1. Jetzt mal ganz ehrlich . habt ihr vorher noch einen Fotografiekurs besucht? Eure Fotos sind ja nun wirklich der absolute Hammer? Kann man bei euch auch das lernen?

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