Kurdischer Familienurlaub in Sari

Wir nehmen Samans Angebot an, ändern unsere Pläne komplett und fahren mit vier verschiedenen Verkehrsmitteln 13 Stunden durch das halbe Land. Egal wo wir einsteigen klingelt schon das Handy des Fahrers und Saman instruiert ihn, wohin die zwei Deutschen müssen. Besonders lustig ist ein aufgepumpter Busfahrer, der ein T-Shirt mit der deutschen Aufschrift: „Sixpack im Speckmantel“ trägt. Ob er wohl weiß, was da steht?

Abends werden wir dann von Saman, seinem Onkel Bashir, den wir schon aus Sanandaj kennen und der eigentlich gar nicht wirklich verwandt mit ihm ist, vom Taxi abgeholt. Begleitet werden sie von einem Huskey – bei 35° und 70 % Luftfeuchtigkeit eine bemitleidenswerte Kreatur.

Was uns Saman als „Villa“ angekündigt hatte, stellt sich als eine kleine trostlose Hütte heraus. Sie gehört Seryas Familie, deren Klimaanlagenfirma wie viele andere in letzter Zeit bankrott gegangen ist. Jetzt arbeiten die Brüder in Sari weit weg von zuhause auf einer Baustelle und wohnen in dieser nahen Unterkunft.

Die ganze siebenköpfige Familie schläft auf Teppichen auf dem Boden und besteht darauf, dass wir im einzigen Bett des Hauses schlafen. Uns ist das schrecklich unangenehm, aber es wird keine Diskussion geduldet.

Außerdem sind noch Seryias Eltern, ihre zwei Brüder, die auf der Baustelle arbeiten, Ali Reza, der 13 jährige Sohn eines Bruders und Bashir, der Bruder ihrer Mutter anwesend.

Mit Saman, Seryias, Bashir und Ali Reza machen wir täglich Ausflüge. Auch für sie ist es Urlaub und sie haben Lust, alles zu erkunden.

Uns jedoch teilt wieder niemand mit, was passieren wird. Und so ganz verstehen wir die Ausflüge auch nicht. Meist wird stundenlang irgendwo hin gefahren um dann einen Blick auf irgendeinen See oder ein unspektakuläres Gebäude zu werfen und dann wieder zurück zu fahren.

Wir wünschen uns nach Badab-e Surt zu fahren. Die meisten Familienmitglieder sind wenig begeistert und wir fahren mit Saman allein. Die Sinterterrassen aus Schwefelquellen sehen aus wie auf einem anderen Planeten und sind für uns ein richtiger Höhepunkt. Leider trampeln viele der Besucher einfach durch die Becken, die in tausenden von Jahren entstanden sind. Irgendwann wird es diesen beeindruckenden Ort wohl nicht mehr geben.

Außerdem besuchen wir ein Museum (was in Iran bedeutet: es ist eine Ansammlung von alten Dingen ohne Bezug zueinander), spazieren und picknicken im Wald und an einem See.

Für den nächsten Tag plant Saman eine Fahrt ans Kaspische Meer. Ich frage mehrmals nach, was ich mitbringen soll. Leider haben wir überhaupt keine saubere Wäsche mehr weil er seit Tagen verspricht, dass wir sie zu einer Wäscherei bringen würden, das jedoch nie passiert. Aber nein, es gäbe einen abgetrennten Bereich für Frauen, in dem Seryias und ich im Bikini schwimmen können. Ich brauche keine Wechselklamotten mitzubringen. Als wir nach einer Stunde Fahrt am Strand ankommen, gibt es diesen Frauenbereich natürlich nicht. Ich bin enttäuscht, dass ich nun nicht schwimmen kann. Die anderen versichern mir aber, das ich einfach mit meiner Kleidung ins Wasser gehen könne. Bis zur Abfahrt wäre ich sicher wieder trocken. Moritz versucht den anderen das Schwimmen beizubringen und alle haben großen Spaß bei dem Gespritze in den Wellen.

Bei der hohen Luftfeuchtigkeit und der kurz darauf einbrechenden Dunkelheit wird meine Baumwollkleidung im Gegensatz zu Seryias Polyacrylsachen natürlich nicht trocken. Eigentlich ja auch kein Problem. Bis mir mitgeteilt wird, dass wir nun noch tropfnass in ein schickes Restaurant gehen werden. Ich sitze also wenig später mit triefender, eiskalter Kleidung in einem auf 17° klimatisiertem Restaurant und schlottere. Darauf, dass ich friere, wird überhaupt nicht eingegangen. Wo ist plötzlich die persische Höflichkeit? Ich glaube es ist unüblich, seine eigenen Bedürfnisse mitzuteilen, wenn diese den Bedürfnissen der Gruppe widersprechen. Da jetzt eben alle anderen Hunger haben, spielt es keine Rolle wenn einer mit blauen Lippen im Reis stochert.

Bis alle aufgegessen haben warten wir draußen. Nach einer einstündigen Heimfahrt, auf der der Taxifahrer nicht einsehen kann, dass er das Fenster schließen soll und einer heißen Dusche, falle ich ins Bett.

Wir merken immer wieder, dass es trotz großer Sympathie und vielen lustigen Momenten, kulturelle Unterschiede zwischen uns und unseren Gastgebern gibt. Oft versuchen wir, Ansichten zu erklären oder zu verstehen, scheitern aber. Es ist hier einfach unüblich, klare Ansagen zu machen. Sei es dazu, was man möchte oder dazu was geplant ist.

Das kostet oft Kraft und macht uns sauer. Immer wieder merken wir, wie deutsch wir sind und wie sehr wir es schätzen, daheim eine gemeinsame Basis mit den Menschen zu haben.

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