Iranische Hochzeit: der traurigste Tag der Reise

Mittlerweile sind wir nicht mehr im Iran. Es werden aber noch einige Berichte von dort folgen.
Da sämtliche soziale Netzwerke überwacht werden und es Ausländern verboten ist, sich kritisch zu äußern, kommt nun erst jetzt ein Nachtrag zum traurigsten Tag im Iran:

Schon an unserem zweiten Abend im Iran waren wir auf eine Hochzeitsparty eingeladen worden. Was zuerst unmöglich erschien, weil wir beide nicht die richtige Kleidung dabei hatten, konnte unsere tollen Gastgeber nicht aufhalten. Wie selbstverständlich wurde mit Hilfe von Freunden und Familie ein Anzug, Herrenschuhe, ein Kleid und Highheels aufgetrieben. Und so kommt es, dass ich im Iran meine ersten wackligen Schritte auf Highheels mache. Natürlich darf hier auch eine Portion Make up nicht fehlen. Angeblich haben die Iranerinnen den größten Kosmetikverbrauch der Welt. Auch Nasen-OPs sind hier ganz normal und wir blicken ständig in maskenhafte Michael Jackson Gesichter mit winzigen Nasen, die alle auf die gleiche Art ihre Spitze Richtung Himmel recken.

Wir sind zur Party nach der Trauungszeremonie in einen Garten eingeladen. Schon auf der Fahrt dorthin kocht die Freudenstimmung fast über. Es wird gehupt, die Musik aufgedreht und für einen spontanen Tanz ein Zwischenstopp am Straßenrand eingelegt.
Als wir an dem privaten Garten ankommen, verändert sich die Stimmung schlagartig. Die Polizei ist da. Alle wirken nervös. Niemand traut sich, den Garten zu betreten. Nach islamischem Recht ist es verboten, dass Frauen und Männer gemeinsam feiern, dass die Frauen das Kopftuch abnehmen, dass Musik gespielt und getanzt wird und natürlich dass Alkohol getrunken wird.

Anscheinend wird den Polizisten Geld bezahlt. Das Fest kann beginnen. In Windeseile ist die Tanzfläche brechend voll. Die Frauen haben großen Spaß daran, mir beizubringen, wie man hier tanzt. Sie nehmen mich an der Hand, lachen mit mir und ich fühle mich, wie mit alten Freunden.
Plötzlich schlägt die Stimmung wieder um. Die Musik stoppt. Alle stehen mit angespannten Gesichtern da. Ein in Deutschland lebender junger Mann kommt auf uns zu und erklärt mir, ich solle mein Kopftuch bereit halten. Die Polizei sei zurück. Nach einer gefühlten Ewigkeit erfahren wir: „Wir konnten 40 Minuten herausschlagen. Dann wird die Party beendet!“ Wir eilen auf die Tanzfläche zurück, wollen diese kurze Zeit auskosten und feiern. Für diese 40 Minuten gibt es nur das hier und jetzt.
Oft ist mir schon diese Traurigkeit vieler Menschen hier aufgefallen, die bewirkt, dass sie schöne Momente bis zum letzten auskosten.

Und wirklich wird bald die Musik abgedreht. Wir spüren die Enttäuschung und die Wut der Anwesenden. „I hate this country!“, schallt uns aus vielen Mündern entgegen. Was sollen wir sagen? Warum kommen wir eigentlich hier her? Um die Leute, die alle weg wollen in ihrer Unfreiheit zu sehen?

Das Brautpaar versucht, die Fassung zu bewahren. Schon vorher hatte mir die Braut von ihren Sorgen erzählt, ob sie die Schulden für das Fest und das gemeinsame Haus werden bezahlen können. Durch die extreme Instabilität der Währung ist es ein Lotteriespiel hier einen Kredit aufzunehmen.
Und wozu das alles? Für zwei Stunden Feiern?
Die Braut wünscht sich für den letzten Tanz ein Lied nur für sich und ihren Mann. Alle schauen zu und sind ganz still.

Auf dem Weg nachhause können wir kaum sprechen. Im Wohnzimmer sitzen wir noch lange zusammen. Unsere Gastgeber können ihre Tränen schwer zurückhalten. „Wir wollen doch niemandem schaden. Wir wollen nur ein bisschen Spaß haben. Was ist das für ein Land?“
Das also gehört auch zu den zwei Leben der Iraner.
Sie müssen stets auf der Hut sein. Ein gedankenlos hingeworfener Kommentar kann von einem systemtreuen Nachbarn an das Informationsministerium weitergegeben werden. Jeder im Land kennt die drei Zahlen auswendig, mit denen man am Telefon sofort mit den Sittenwächtern verbunden wird.
Es bricht uns das Herz, von der Angst junger Eltern zu hören, ihr Kind in die Schule zu schicken, wo es mit Angst und Drohungen von der Hölle infiltiert wird. Ihre Angst, dass sich das Kind verplappern könnte, wenn man mit ihm über Sexualität spricht.

Am nächsten Tag verlassen die Stadt mit einem dicken Kloß im Hals. Wir haben echte Freunde gefunden und lassen sie in einem Schreckenssystem zurück.
Im Bus weine ich still hinter meiner Sonnenbrille.

 

 

 

 

3 Kommentare zu „Iranische Hochzeit: der traurigste Tag der Reise

  1. Es ist sehr interessant und äußerst spannend eure Berichte zu lesen. Wow Mo, deine Fotos, echt genial. Bin gespannt, wie es weitergeht. Freu mich auf News. Grüße aus der Heimat. MariaB-)

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s