Liebes Varanasi,…

… wir werden wohl keine Freunde mehr. Du hast es uns aber auch echt nicht leichtgemacht. Die Besitzer unserer Unterkunft hatten auf ihrer Homepage und per E-Mail vor gefährlichen Tuk Tuk Fahrern gewarnt, die einen nie an den richtigen Ort bringen. Deshalb sei es dringend zu empfehlen, ihren Abholservice vom Bahnhof zu nutzen. Als wir dann schon im Zug sitzen, kommt eine SMS, in der sie uns schreiben, dass der Weg zu weit sei und sie uns nicht abholen werden. Außerdem teilen sie uns mit, dass heute ein Fest sei und deshalb bestimmt alle Fahrer erzählen würden, dass es nicht möglich sei, das Hotel anzufahren. Viel Glück also! Das vermieste uns den Start. Zum Glück hatte uns der besorgte Subesh aus Kolkata die Nummer eines vertrauenswürdigen Freundes gegeben, der uns aus der Notlage rettete.

Dann bist du auch noch voll von Betrügern, Schleppern und Bettlern, die es unmöglich machen, in Ruhe seines Weges zu gehen. Leider konnten wir deine wunderschönen alten Gebäude kaum sehen, weil wir unseren Blick ständig nach unten richten mussten um nicht in Kuh-, Hunde- oder Menschenkacke zu treten, die hier alles pflastert.

Als wir abreisen wollen, scheint das ein unmögliches Unterfangen zu sein. Zuerst kann sich unser Guesthousebesitzer den ganzen Tag nicht aufraffen, aufzustehen um uns ein Zugticket zu buchen. Dann gibt es anscheinend keine Tickets mehr. Stattdessen sollen wir Tickets für den Sleeperbus bei seinem Kumpel kaufen. Auf solche Geschäfte haben wir keine Lust.

Aber unsere Versuche, selbstständig zu buchen, scheitern. Ohne indische Kreditkarte kann man wohl keine Tickets im Internet buchen. Mit der indischen Simkarte haben wir ein Onlinewallet bekommen, auf das man Geld laden und dann online bezahlen kann. Leider sagen die Mitarbeiter in mindestens zehn Geschäften: „It´s not possible!“. Auch auf unsere genervte Frage: „What´s the problem?“ hören wir nur: „It´s not possible.“ So geht das ganze zwei Tage.

Am Ende buchen wir also einen Flug nach Delhi. Dafür braucht man nämlich keine indische Kreditkarte.

Als wir wissen, dass wir dich doch endlich verlassen können, sind wir entspannter.

Wir treffen uns mit Arunava, einem PHD-Studenten, der uns den größten Campus Asiens zeigt und unternehmen mit ihm und seiner kleinen Familie Ausflüge.

Außerdem muss man dir zugutehalten, dass mittlerweile auch die Leichen der Armen kostenlos im Krematorium verbrannt und nicht mehr einfach in den Ganges geworfen werden. So sieht man nur noch die Verbrennungen der Oberschicht, deren Tote in weiße Laken gehüllt und geschmückt werden.

Wenn es dunkel wird, verwandelst du dich in einen riesigen Tempel. Staunend über das warme Licht der vielen Kerzen und den starken Glauben der Pilger vergessen wir kurz unsere Abneigung. Wir verstehen, wie die Menschen Halt in der Religion finden. Vielleicht stimmt Moritz Theorie, dass Religion nur einen Zweck in einer vorstaatlichen Gesellschaft erfüllt, doch nicht ganz. In Kolkata hatten wir uns oft gefragt, was die Leute auf der Straße weiterleben lässt. Hier erzählt uns jemand, dass sich ein gläubiger Hindu sicher ist: „Heute bin ich ein Bettler. Aber im nächsten Leben gehöre ich zu einer Königsfamilie!“

Aber was ist es das all die Westler mit den Lotus Tattoos und den Dreadlocks hier suchen? Macht es wirklich Sinn hier Pfannkuchen essend und Gras rauchend auf Erleuchtung zu hoffen? Oder findet man das Glück und ein gutes Leben nicht eher in sich selbst?

Wir jedenfalls sind froh, als wir endlich den Flughafen betreten und nach Delhi fliegen. Und es gibt sogar eine Premiere: ich, die sonst immer ein bisschen traurig ist, wenn sie einen Ort verlässt und inbrünstig versichert, wiederzukommen schwört: „Hierher komme ich bestimmt nicht mehr!“

6 Kommentare zu „Liebes Varanasi,…

  1. Endlich habe ich es geschafft euren wundervollen Blog zu lesen. Mir kommen die Tränen. Ich bewundere euch, wie ihr euch immer wieder auf neue Situationen einstellt und trotzdem alles so objektiv wahrnehmt und hinterfragt. Eine gute Weiterreise, ihr 2 seid super!!!

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  2. Hallo aus Deutschland, ihr Zwei! 🙂
    Das hört sich ja schon wieder total irre an, was ihr so erlebt. Ich bin neidisch und glücklich zugleich, dass ich da nicht an eurer Stelle bin. 😉

    Sag mal, wie bekommt ihr immer die Fotos von den Leuten? Fragt ihr jedes Mal ob ihr die fotografieren dürft? Die sind wirklich sooo so toll!

    Bis nächstes Jahr!

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    1. Hallo ihr zwei!
      Meistens fragen wir schon, ob wirein Foto machen dürfen und fast immer sind das dann ganz nette Begegnungen. Falls wir mal nicht fragen und ein Foto heimlich machen, ärgern wir uns hinter manchmal, weil es dann oft kein so schönes Bild wird.
      Bis hoffentlich bald!
      Dani und Moritz

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