Muharram: Der schiitische Trauermonat

Schon seit Tagen sind Abends die Straßen brechend voll mit schwarzgekleideten Leuten, die sich zu rythmischen Sprechgesängen mit Ketten im Takt über die Schultern schlagen. Das ist weniger brutal als es sich anhört. Trotzdem brauchen wir einige Tage, bis wir uns daran gewöhnen. Viele Zuschauer schlagen sich im gleichen Takt mit der Faust vor die Brust oder weinen sogar. Obwohl wir schon seit über einem Monat im Iran sind, verstehen wir erst jetzt, im schiitischen Trauermonat Muharram, mehr von der Religion.

Worum es dabei geht ist schwer zu verstehen. Nach langem Suchen habe ich diesen Artikel gefunden, der die Sache in einfachen Worten erklärt. Wenn es jemanden genauer interessiert, kann er hier beim ORF nachlesen: http://religion.orf.at/m/lexikon/stories/2553018/

Kurz gesagt geht es um die Schlacht von Kerbala bei der der Enkel des Propheten Mohammed Hussein von dessen Konkurrenten getötet wurde, was die endgültige Spaltung in Sunniten und Schiiten bedeutete. Da dem zahlenmäßig weit unterlegenen Hussein niemand zu Hilfe kam, waren seine Anhänger so von schlechtem Gewissen geplagt, dass sie in einen völlig aussichtslosen Kampf zogen was einem Selbstmord gleich kam. Bis heute wird an sie erinnert, in dem man sich selbst bestraft. Heute passiert das allerdings ritualisiert in Form verschiedener Bräuche an Muharram.

Zuerst kommt uns die Idee der großen Schuld und die Buße dafür seltsam fremd vor. Doch dann wird uns bewusst, dass es auch im Christentum viel darum geht, dass die Menschen Schuld auf sich geladen haben.

So eindrücklich zur Schau gestellt haben wir diese Trauer und Reue aber noch nie erlebt. Dazu kommt, dass die Sunniten als Mörder des Prophetenenkels Hussein angeklagt werden. So ist der ganze Monat nicht ohne Konfliktpotential. In vielen verschiedenen Geschichten und Passionsspielen, die in vielen Städten aufgeführt werden, wird ihre Brutalität gegenüber Husseins Familie dargestellt. Vielen Gläubigen kommen beim Zuhören die Tränen.

Am zehnten Tag des Muharram, an Ashura erleben wir auf einer Maßenveranstaltung mit geschätzten 4000 Menschen was Gruppendynamik heißt. Im Dunkeln lauschen die Männer den fürchterlichen Schilderungen von Husseins Leiden. Das Schluchzen schwillt immer mehr an, bis wir das Gefühl haben, in einem Bienenstock zu sein. Erst nach einer Ewigkeit geht das Licht an. Als sich 4000 Menschen gleichzeitig ergriffen auf die Brust schlagen, werden wir selbst fast von der Stimmung mitgerissen. Wir fühlen uns betroffen und geschockt.

In der Nacht schlafe ich unruhig und wache immer wieder auf. So vieles bleibt rätselhaft.

Auch Tina und Veit mit denen wir die Zeremonie erlebt haben, geht es ähnlich. Vielleicht treffen sie es ganz gut, wenn sie ihre Iranreise nicht als schönen Urlaub im herkömmlichen Sinn, sondern eher als Persönlichkeitsschulung bezeichnen.

 

Ein Kommentar zu “Muharram: Der schiitische Trauermonat

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