Kolkata

Die Sorge, dass Nordindien und vor allem Kolkata ein schrecklicher Moloch sei, der uns vielleicht sofort die Flucht ergreifen lässt, ist noch nicht ganz verflogen, als wir gemeinsam mit Subesh in einer Bar über den Dächern der Stadt ein Bier trinken. Eine Band spielt Filmmusik mit traditionellen indischen Instrumenten und die Gäste sitzen mit den Füßen in erfrischenden Becken da und schlürfen Cocktails. So hatte ich mir Kolkata nicht vorgestellt.

Subesh haben wir über Couchsurfing kennengelernt und waren noch bevor wir ihn persönlich kannten überrascht von seiner zupackenden Art und seinen tollen Vorschlägen für gemeinsame Unternehmungen. Subeshs Frau arbeitet als Lehrerin in Singapore weshalb er die meiste Zeit des Jahres mit seinem erwachsenen Sohn Sunny ein Junggesellenleben führt. Allerdings ein sehr komfortables. Als Projektentwickler im Immobiliengeschäft hatte er schon früh Erfolg was in Indien den Luxus von Angestellten wie einer Haushälterin und eines Chaffeurs bedeutet. Da er jeden in der Stadt zu kennen scheint und jedem schon einen Gefallen getan hat, scheint für ihn nichts unmöglich.

Er führt uns in versteckte Hinterhofrestaurants, Bars und auf das höchste Gebäude der Stadt, dass seine ehemalige Firma gerade baut und wir werden bei ihm zuhause von seiner Haushälterin hervorragend bengalisch bekocht.

Obwohl die Spiele schon lange ausverkauft sind, gelingt es Subesh Karten für die U17 Fußball WM zu organsieren, die dieses Jahr in Indien ausgetragen wird. Kolkata ist dafür die ideale Stadt, da sie im Gegensatz zum Rest des Landes, das dem Cricket verfallen ist, eine Hochburg der Fußballfans ist. Wenn Indien gegen Pakistan spielt herrscht hier Ausnahmezustand. Da Indien im Fußball nicht gerade führend ist, gewinnen aber einfach Spaß macht, ist man in Kolkata traditionell für Brasilien oder Argentinien. Da wir auch noch das große Glück haben, Deutschland gegen Brasilien zu sehen, sind wir richtige Exoten und beliebte Fotomotive im Stadion. Am Ende gewinnt Brasilien, die Menge ist glücklich und für uns, die zum ersten Mal im Leben im Stadion aber wie richtige Fans ausstaffiert sind, ist es eigentlich auch egal. Es war in jedem Fall ein toller Abend.

Da Diwali vor der Tür steht und das im Gegensatz zu unserer Vorstellung weniger romantisch statt nur mit vielen Kerzen mit noch mehr selbstgebastelten Raketen gefeiert wird, die von Dächern geworfen werden, nimmt uns Subesh mit in die Sunderbans.

Die Sunderbans sind der größte Mangrovenwald und Heimat des begalischen Königstigers. Nach einer zweistündigen Fahrt durch das ländliche Westbegalen, beziehen wir unser Boot.

Wir, das sind außer Subesh und uns Munja, eine Couchsurferin aus Bangladesh, die Subesh schon lange kennt. Sie ist ziemlich laut, anstrengend und tut sich vor allem dadurch hervor, dass sie unsere englischen Gespräche auf Bengali unterbricht, sodass wir die einzigen sind, die kein Wort verstehen. Und das obwohl sie sehr gut Englisch spricht.
Außerdem ist Piyalee mit ihrem 8jährigen Sohn Jeet dabei. Sie arbeitet mit Subesh und er ist ihr Mentor. Da ihr Mann schon seit mehreren Jahren in den USA arbeitet und sie Ende des Jahres auch endlich ein Visum bekommt, mit dem sie dort einen Job annehmen kann, wandert sie bald aus.

Auch Anita ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die obwohl sie mit 17 geheiratet und mit 19 einen Sohn bekommen hat, ihren Mann verlassen und ihre eigene Firma gegründet hat.

Mayuri war bis vor kurzem in Mumbai auf der Schauspielschule und hoffte auf ihren Durchbruch in Bollywood. Bis ihr Vater starb und sie zu ihrer Mutter nach Kolkata zurückkehrte.

Schon am Anfang ist niemand von unserem kleinen und unkomfortablen Boot begeistert. Später aber als es wie aus Kübeln zu schütten beginnt und das Wasser durch jede Ritze des Bootes schießt, sind wir froh, dass Anita sofort zum Handy greift und dem Bootsbesitzer mitteilt, dass es definitiv unmöglich ist, hier zwei Nächte zu bleiben. Völlig durchnässt kommen wir schließlich in einem Ressort an und bekommen dort zwei Zimmer für die Nacht. Zum Glück lassen wir uns nicht die Stimmung verderben und haben eine tolle Party auf der ich ausführlich gezeigt bekomme, wie man zu Bollywoodmusik tanzt. Wir sind überrascht, dass wir so weit weg von zuhause Menschen treffen, die uns so ähnlich sind. Wir führen lange Gespräche bis wir schließlich völlig erschöpft in unsere Betten fallen.
Da am nächsten Tag klar wird, dass ein sich nähernder Zyklon für den Regen verantwortlich ist, packen wir zusammen und fahren zurück zum Anlegeplatz und dann mit dem Auto zurück nach Kolkata.
Auch dort hat es stark geregnet und so hielten sich auch die Diwalifeuerwerke in Grenzen.

Und dann ist da noch die andere Seite von Kolkata.

Wenn wir abends durch die vom Regen aufgeweichten, matschigen Straßen stapfen, sehen wir Beine unter Kartons herausragen und kleine Stoffbündel stellen sich als zusammen gekauert schlafende Menschen heraus. Ein kleiner Junge fleht uns durch das geöffnete Taxifenster nach zehn Rupien an. Er erinnert mich an meinen Bruder, als er klein war. Wir beide müssen schlucken. Zwar haben wir unweigerlich den Wunsch, ihm etwas zu geben. Aber wenn er durch Betteln Geld verdient, warum sollten ihn dann seine Eltern in die Schule schicken? An der nächsten Ecke rempelt schon ein anderer Obdachloser seinen Kollegen an: „Bring das Baby, da sind Ausländer!“

Pausenlos rauscht der höllisch lärmende Verkehr vorbei und die Luftfeuchtigkeit hüllt alles in modrigen Duft. Selbst unser Reisepass bekommt eine feine weiße Schimmelschicht. Alles und jeder, der hier nicht in Bewegung ist, scheint gnadenlos von der Stadt verdaut zu werden.

 

Blumenmarkt:

Auf der Hochhausbaustelle:

3 Kommentare zu „Kolkata

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